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Musik=Literatur

Kunst = Gespräch. Multilog.

Verehrter Herr Pascia,

Sie werden mir sicherlich nachsehen, wenn ich nicht gleich mit der Tür ins Haus falle, um zunächst einmal Ihrem Gesprächspartner – der mir fast Verstand stahl – Respekt zu erweisen:

Was für ein eigensinniger, leidlich unvorhersehbarer Flügel er ist. Ein Schattenfischer im reinsten Sinne des Wortes. Ein Führer und treuer Begleiter auf nicht befestigten Pfaden; eine Wundertüte Ereignis; dieser knochige Hascher, der so liebevoll plaudert, derart unbändig spornt; uns ermahnt; mich berührt. Farbenreich.

War’s für Sie, geehrter Herr Pascia, gewiss auch eine unveräußerliche Nacht, gemeinsam mit ihm – in gepfeffertem Traum – der ‘Kunst der Fuge’ atemberaubende Verstrickungen freier Hand zu bereisen.

Ja. Sie schenken sich Zeit. Reichlich Raum. Scheint mir nicht, er könne sich so, der Betagte, einer seligen Jugend erinnern, als – noch auf drahtigen, etwas unsicheren Beinen – ein Cembalo über die Plätze, durch feuchtfrohe Gassen stolzierte.

Er nämlich dankt es Ihnen. Zurecht.

Erstaunen. Wie Bachs Stimmen erzählen. Einander verleiten. Entweichen. Berücken. Sich beugen und spiegeln. Umspinnen. Entlarven. Vorantreiben. Gischt. Ein wiegendes Meer. Ein wogender Tanz. Allgewiss. Unbestimmt. Immerfort. Kind.

Nur ein Beispiel. Zum Beispiel. Ich fasse mich kurz. Doch wie Sie, Virtuosus, diese trotzige Fuga a 3 Soggetti schon im Canon per Augmentationem in Contrario Motu erfühlen, vorbereiten, entzaubern – ein letztes, ein stockendes Atemgeschenk vor dem unausweichlichen Ausgang – wie’s mit b-a-c-h ganz allmählich versandet, licht und liebevoll schreitend, so behutsam gewoben, frei nach innen entschwindet …

Ja. So träumte mir immer die kühne Vermutung, Meister Bach ließ ‘sein Manuskript’ in gerissener Absicht unverschlossen zurück, in der Schwebe: Soli Deo gloria! Nein! Vollendung ist Menschending nicht. Seine letzte betörende Botschaft; was Raffgier, was Hochmut, aller Autorität schlichtweg spottet; geile Herrschaftslust raubt. Sich verweigert. Entzieht.

Am Abend kam die Taube wieder,
Und trug ein Ölblatt in dem Munde.
O schöne Zeit! O Abendstunde!

Christian Friedrich Henrici – Picander (1700-1764)

Fast auf den Tag genau sieben Jahre liegt Eure Liebestat nun zurück. Sie erinnern sich sicher. Wiederholt & verlässlich. In schlaflosen Nächten. Mensch. Mensch, Pascia; und was habe ich – auf der anderen Seite – noch für elende Dummheiten ausgeheckt damals und pflichteifrig angestellt auch.

Denn so danke ich’s Ihnen. Vertrau mir. Bis gleich!
Peter R. Pollmann

Weiter. Hören!

Johann Sebastian Bach
Die Kunst der Fuge
Cédric Pescia (Klavier)
Steinway & Sons, New York, D 101820, 1901