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Musik=Literatur

Quälgeister. Schmucklos.

Aber ja, mein Freund, ja, ich erinnere mich: Hochsommer Wochen. Hornissenbesuch. Der Garten. Die Liege. Eine Amsel im Feld:

Leonard Bernstein hat soeben mit Inbrunst seinen zornigen Brahms präsentiert; die Vermieterin heimlich mein Zimmer durchstöbert und Glenn Gould – kurz vor dem Tod – seine Neuinterpretation der ‘Goldberg Variationen’ vorgelegt; Bachs Offenbarung, mit deren Einspielung er gut fünfundzwanzig Jahre zuvor die musikalische Welt aus dem täppischen Gleichmut verscheuchte.

Was ich las damals? Nun, mein Freund, klar, ich erinnere mich. Marlen Haushofer las ich Die Wand; Musils Zögling Törless und – The Loser von David Lang trägt’s mir auf Freiersfüßen ins Jetzt: ich las Thomas Bernhards Roman Der Untergeher. Im Sturm.

Erstaunen, ihr Lieben, heißt Aufbruch, Beginn. Gewissheit ist das. Steht’s doch schwarz auf weiß im verzückten Gesicht: Stürzt der Stein erst ins Wasser, breitet läufige Brunst alle Gier kaltblütig aus; was Dich immerhin kreisförmig scheucht. Uns in Erinnerung formt.

Denn heute an diesem mehr oder minder durchwachsenen Maitag hause ich lauschend auf behaglichem Sofa, entdecke The Loser und bange, durchstreife, erinnere, rate; ach, wie doch die Zeit sich verzahnt, mich bestrickt; wird Geschichte zu Blendwerk, reift mein Schicksal zum Wurm?

Auf Hochdeutsch für alle. Die Frage besticht:

Wie viele Persönlichkeiten bannt Mr. Lang eigentlich punktgenau in seinen Erzähler? Wie viele Baumringe öffnen, umkreisen, durchsetzen sich da? Wie gelingt es dem Sänger, solch überraschend und verwegen gesponnene Berg und Talfahrten zu meistern?

Alle Achtung, Rod Gilfry, welche Jonglierkunst! Das macht Ihnen – wie Ingeborg Bachmann – sinngemäß – aufmunternd schrieb: nicht über den kurzen und auch nicht über den langen Weg macht Ihnen das kaum ein Sterblicher nach.

David Langs Vertonung des Untergehers befriedigt und überwältigt vor allem, weil sie Dich – wie Thomas Bernhards Roman – hinterfragt und zurückwirft; beunruhigt. Versetzt.

Für den seltsamen, doch weitverbreiteten Fall also, dass Dir Dein aalglattes Dasein bisher weder Rätsel noch Wurmlöcher zuspielen mochte, empfehle ich hiermit mit Nachdruck ein ausgiebiges Date mit The Loser. (Kein Bild im Profil.)

Doch nein, warte! Gefahr. Hier nämlich sind Heldinnen, sind selbst Recken gefordert; also fragst Du Dich wohl besser und ernsthaft vorab, ob Du einem musikalischen Köder wie diesem gewachsen sein wirst oder nicht – wobei mir da zeitgleich und ganz selbstverständlich ein berühmtes Zitat in den Sinn springt:

‘Das Leben ist kein Wettrennen. Es ist ein einziger Kampf ums Überleben und es gibt einige, die dabei auf der Strecke bleiben. Und eben weil es kein Wettrennen ist, betrachte ich mich auch nicht als Konkurrent meiner Kollegen, was Auszeichnungen oder Anerkennung angeht. Deshalb lehne ich jeglichen Preis ab.’

George C. Scott

Ohje. In was für ein elendes Durcheinander bin ich nun wieder unvermeidlich geraten. Zöglings Törleß Verwirrungen, liebster Freund, sind nichts gegen die meinen an einem sinkenden Maitag wie heute; doch tatendurstig, ja sturmerprobt schließlich bin ich durchaus; und so werde ich Euch ohne findige Rede, doch mit brennendem Herzen eine weitere, die erlesen verruchte Neueinspielung der Goldberg Variationen von Ji Yong kaum verlässlich in Liebe – doch mit Kusshand – verordnen.

Warum? Ja, warum? Nun, findet es selbst heraus, soviel sollte Euch Euer eigenes Hirn doch wohl wert sein am Ende. Na dann.

Bis bald – und danke idagio.com!
Euer
Peter

Weiter. Hören!

David Lang
The Loser
Libretto: David Lang, nach Thomas Bernard
Conrad Tao (Klavier), Rod Gilfry (Bariton)
Lesley Leighton, Bang on a Can Opera Ensemble

Johann Sebastian Bach
Die Goldberg Variationen
Ji Yong (Klavier)