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Musik=Literatur

Von Bildern, Wut & gebrochenen Herzen

Heut, liebe Freunde, heut gestehe ich’s Euch: Ich höre Musik mit geschlossenen Augen. Ich kann mir nicht helfen. Das konnte ich nie. Und ja, ich gestehe, so küsse ich auch.

Nein, da will einfach kein Meer seine Flügel erheben, da plätschert kein rauschendes Bächlein im froststarren Forst; selbst Die Moldau ist mir kaum mehr als ein böhmisches Dorf.

Sicherlich kannst Du Dir vorstellen, mein Freund, welch zärtliche Qualen mir der gute Mussorgski mit seinen strotzenden Bildern all die Jahre bereitete! Entsetzlich. Verquer. Denn so sehr ich mich plagte, auch mühte, kein Altes Schloss, kein Marktplatz, kein Großes Tor oder gar Katakomben, nicht einmal der listige Gnom taucht beim Lauschen irgendwie unheimlich auf; stellt sich vor.

Blind geboren. Verkohlt. Rettungslose Leere vor meinem inneren Blick; dann immerfort das beißende, dieses lästige Gefühl zu versagen; der holden Kunst, meiner Liebsten Musik, im Wesen, im Kern schlichtweg nicht gerecht werden zu können.

Wie bitter das war. Ja, so war das. Jedoch!

Which side are you on.

– Federic Rzewski

Ich grüße Dich, mein Erlöser; buchstabiert mein Befreier sich: C – O – N – R – A – D – T – A – O. Conrad Tao, Komponist & Pianist. Ohne Gleichen. Seine Einspielung, seine CD Pictures nämlich öffnet Dir eisern verlässlich den vernagelten Blick.

Endlich. Hör hin! Das ist kein hysterisches Klecksen nach Farben. Kein Rohschachtest ist das: schlichtweg stolze Musik. Unverhüllt. Offenherzig. Abstrakt. (So wie selbst Rembrandt mir seit jeher als ausgebuffter Abstrakter erscheint – doch davon bei Gelegenheit mehr.)

Endlich. Hör zu! Wie schwelgt doch Herr Tao entschlossen, scheucht hingebungsvoll Rhythmus & (Dis)Harmonie, spannt rettende Netze, spinnt verlogene Bögen: O Hörerin Seele, so nämlich und nicht anders fährst Du mir gleich ins Gehirn, stürmst die Flatter hinab in den Magen; schießt die keuchenden Glieder entlang. Nicht als verblödeter Diener; Herr Tao gestaltet, Herr Tao entschließt unbestechlich, verwegen; erkühnt.

Bildbefreit, abgründig, hinreißend – im wahrsten Sinne des Wortes: The Walk. Balsam für Dein geschundenes Selbstwertgefühl, mein Herz. David Lang, Takemitsu, Elliott Carter, Rzewski, Aaron Copland, Julia Wolfe und Meredith Mong, Rachmaninow, Conrad Tao, Maurice Ravel; selbst Modest Mussorgsky – ganz ungeschminkt – plötzlich: nur stumme Musik.

All das erschafft Mr. Tao sozusagen im Winnsboro Cotton Mill Blues; nie auf dem Silbertablett. Nie bramarbasiert. Herzzerschneidend rein, liebster Freund, trifft der Schöpfer mein Ohr; denn auch das bekenne ich heute freimütig und ohne jede ungebührliche Scham: So wie der erste – ist das, so wie’s allgemein heißt: – unvergessliche Kuss.

Augen zu, liebe Freunde. Meine Reise beginnt.
Euer
Peter

PS
Klar. Widersprüche müssen sein; sie erden. Auch Dich! Also ran.

Weiter. Hören!

Conrad Tao (Klavier)
Pictures / American Rage / Voyages